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08.07.2012 / Musiktipps: Sergiu Celibidache / Christoph Vratz

DER HOHEPRIESTER

Dirigent, Philosoph, Mathematiker – gelehrig, streng, eigenwillig. Sergiu Celibidache würde am 11. Juli einhundert Jahre alt. Sein Platten-Vermächtnis ist unfreiwillig gross.
Kölner Rundfunk-­Sinfonieorchester: Die Orchesterkonzerte. Werke von Strawinsky, Mendelssohn, Schubert u. a. Orfeo. 5 CDs

Tönende Pfannkuchen und „Ersatzbefriedigung“ hat er das Medium Schallplatte gegeisselt. Ihm war der unwiederbringliche Moment, das Live-Erlebnis, heilig; aufgezeichnete Musik bedeutete für ihn „Schwindel“, gar „Dreck“. So unmissverständlich konnte er sein, der gebürtige Rumäne Sergiu Celibidache, der in jungen Jahren bereits nach Berlin kam, um dort zu studieren. Doch dabei blieb es nicht. „Celi“, wie ihn die Musikwelt später taufte, schaffte innert kürzester Zeit den Sprung vom Leiter eines Laienorchesters zum Interims-Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker.

 

Doch wo Celibidache auftauchte, begann es, allen künstlerischen Erfolgen zum Trotz, zu knistern. Er galt als schwierig. 1972 übernahm er die Leitung beim Radio-Sinfonie­orchester in Stuttgart, sieben Jahre später folgte der Wechsel nach München, wo er aus einem dahindümpelnden Durchschnitts­orchester einen philharmonischen Vorzeige-Klangkörper formte. Seine Methode? Auch an der Isar gab er den Knorrigen, Unerbittlichen, manchmal Rüden. „Jeder Dirigent ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit der Musik begnügt“, gab er einmal von sich, eine von vielen wie festgemeisselt wirkenden Aussagen, die seinen Jüngern erscheinen wie das Credo im musikalischen Hochamt.

 

Als der Maestro 1996, nur unwesentlich milder geworden, starb, hinterliess er einen diskografischen Krater. Denn offiziell gab es fast keine Schallplatten. Immerhin, da er in frühen Jahren viel beim Rundfunk dirigiert hatte, existierten einige Mitschnitte, vom RIAS in Berlin und mit dem damaligen Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester: Tschaikowsky, Strawinsky, Ravel. Celi wusste genau, wie man Klangfarben erzeugt, wie man sie abmischt, zueinander in Beziehung setzt. Das gilt auch für seine ersten nennenswerten Bruckner-Mitschnitte, entstanden in Stuttgart, zusätzlich angereichert um einige Proben-Eindrücke. Celi, der Pedant, der Stellvertreter Bruckners auf Erden, der weiss, wie man mit dessen eruptiven Blöcken umzugehen hat, und der jeden Versuch, das Weihrauch-Fass zu schwenken, strengstens unterbindet.

 

Celibidache-Edition: Vol. 2: Bruckner, Sinfonien Nr. 3–9; Te-Deum-Messe Nr. 3. EMI. 12 CDs

 

 

Als Celis Markenzeichen gilt sein Hang zu langsamen, mitunter äusserst langsamen Tempi. Vor allem in den späteren Münchner Mitschnitten. Die Kunst der Dehnung, nicht immer und nicht immer vorhersehbar, aber oft kunstvoll bis zum Äussersten getrieben, beweist er etwa in seiner Einspielung von Verdis Messa da Requiem. Hier gebärdet sich Celibidache als Maestro pomposo, als wolle er nun nachholen, was er stets gemieden hatte: die Oper. Einzig einige Vor- und Zwischenspiele Richard Wagners hat er auf seine Programme gesetzt. Voller Inbrunst kniet sich Celibidache in jede Note, Kantilenen streichelt er hingebungsvoll, jedes Crescendo formt er als Meister der kontrollierten Ekstase.

 

Wenn man diese Aufnahmen, die dank seinem Sohn Serge Ioan an die Öffentlichkeit gelangten, nun erstmals oder mit zeitlichem Abstand wieder hört, erschliesst sich dem Hörer, warum Celibidache sich so vehement gegen den Begriff „Interpretation“ gewehrt hat. Denn dieses Wort sei viel zu stark auf den Dirigenten und auf dessen Willen hin zugeschnitten, es lasse zu wenig Platz für den Prozess des Werdens, für das, was die Musik selbst gebiert. Celibidache war Kauz und Künstler, Schwungrad und Bremser für jedes Orchester, einer, der es sich und anderen nie leicht gemacht hat – stets mit dem Hinweis darauf, dass man dies allein der Musik, und nur ihr, schuldig sei.

 

Celibidache-Edition: Vol. 4: Geistliche Musik und Oper. Bach, Wagner u. a.EMI. 11 CDs

 

 

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