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24.06.2012 / / Christoph Vratz

AM ABGRUND

Hundert Jahre nach ihrer Uraufführung zählt Mahlers neunte Sinfonie zum Kernrepertoire. Lange galt sie als depressiver Weltabschied, die besten Interpreten bewahren sie vorm Absturz in Tiefsttrauer.
1938: Wiener Philharmoniker; Bruno Walter. Naxos. CD, 0636943185223

 

 

Gustav Mahler (1860–1911), Sinfonie Nr. 9, erster Satz, Andante comodo. Nur stockend kommt das Werk in Gang, fast so, als seien gestörte Rhythmen das Fundament für die letzte vollendete Sinfonie des herz- und liebeskranken Mahler. Gleichzeitig wirken die herben Viertelschläge der Harfe wie das Geläut einer Totenglocke. Dann erst, nach diesen weltabgewandten Motiven, dringt in den zweiten Violinen ein D-Dur durch, das die Anspannung für kurze Zeit lindern wird. Weltschmerz. Hier aber liegt die eigentliche Keimzelle der ganzen ­Sinfonie.

 

Am 26. Juni 1912 leitete Bruno Walter (1876–1962) die Wiener Philharmoniker bei der Uraufführung dieser Neunten. Mahler war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Jahr lang tot. 1938 nahm Walter, einst gelehriger Schüler Gustav Mahlers, das Werk erstmals mit den Wiener Philharmonikern auf – ein Dokument. Entstanden unmittelbar bevor die braunen Barbaren den Juden Walter und den jüdischstämmigen Mahler aus grossdeutschen Konzertsälen vertrieben. Zwar ist Walter als Interpret seinem Lehrmeister nie täppisch-ergeben gefolgt, doch als direkter Zeuge des Schaffensprozesses gilt er bis heute als unverzicht­barer Exeget von Mahlers Musik. 1961 hat Walter dieses Werk unter aufnahmetechnisch ungleich besseren Bedingungen erneut aufgenommen (Columbia SO, Sony).

 

1964: Berliner Philharmoniker; John Barbirolli. EMI. CD, 5099967829224

 

Ein weiterer Meilenstein der Schallplattengeschichte sind die Einspielungen mit John Barbirolli. Neben der klanglich heiklen Produktion mit dem Orchestra Sinfonica della RAI di Torino (1960, IDIS) überragt die mit den Berliner Philharmonikern entstandene Aufnahme von 1964. Im zweiten Satz etwa zeigt er eindrucksvoll, dass es dem täppisch-derben Ländler-Thema überhaupt nicht hilft, wenn es sich krampfhaft naiv stellen möchte. Natürlich spürt man auf dem Höhepunkt, dass irgendein Fest im Gange ist. Aber man spürt auch, dass die Weltkatastrophe nicht mehr fern ist. Totentanz-Welt. Dennoch macht Barbirolli aus diesem Satz kein reines Virtuosenstück der Verzweifung.

 

Dünne Luft

Die Mahlermania der letzten Jahre hat, gerade im Fall der Neunten, reiche Ernte erbracht: Alan Gilbert mit dem Royal Stockholm PO (BIS), Esa-Pekka Salonen mit dem Philharmonia Orchestra (Signum), Simon Rattle mit den Berlinern (EMI), Jukka-Pekka Saraste mit dem WDR SO Köln (Profil) sowie im Rahmen von Gesamteinspielungen die historisierend angelegte Deutung von Roger Norrington mit dem RSO Stuttgart des SWR (Hänssler), David Zinman mit dem Tonhalle-Orchester Zürich (RCA), Michael Tilson-Thomas mit dem San Francisco Symphony und schliesslich Jonathan Nott mit den Bamberger Symphonikern.

 

2004: San Francisco Symphony; Michael Tilson-Thomas. SFS. 2 SACDs, 0821936000724

 

Tilson-Thomas’ Mahler-Verständnis ist nicht frei von Eigenwillig­keiten, seine Tempi sind oft provozierend langsam. Im Schlusssatz etwa scheint es, als wolle er diese Musik traurig-überschwänglich zerfliessen lassen. Trotzdem bewahrt er Mahlers Musik vor falscher Rührseligkeit. Alle Melodien, aber auch alle Nebenstimmen werden organisch zueinander in Beziehung gesetzt. Und auch wenn die Lebensluft immer dünner wird, bis zum letzten, ersterbenden Akkord, spürt man, wie er und sein Orchester dem Werk immer noch Sauerstoff zuführen.

 

2008: Bamberger Symphoniker; Jonathan Nott. Tudor. 2 SACDs, 0812973011620

 

Ähnlich verfährt Jonathan Nott. Auch er verschmäht meist zügige oder gar rasche Tempi. Doch allein die Burleske der Neunten zeigt, dass Nott jede ideologisch motivierte Aggressivität fernliegt. Immer wieder kommen ihm für die vielen Zonen in Mahlers weitverzweigtem Notenverbund einleuchtende Ideen. Die Knotenpunkte zwingen uns nicht etwa zu ­längeren Aufenthalten wider Willen, sondern sie dienen als Startplätze zu neuen Zielen. Grosse Musik, gross interpretiert.

 

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 9

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