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17.05.2012 / Audiotipps: Claude Debussy / Christoph Vratz

UNHEIMLICHE STILLE

30. April 1902: Uraufführung der einzigen Oper von Claude Debussy, „Pelléas et Mélisande“, in der Pariser Opéra-Comique. CD-Empfehlungen zu diesem und anderen Meisterwerken des grossen französischen Impressionisten.
Debussy: La Mer u. a. Orchestre de la Suisse Romande; Ernest Ansermet. Decca/Universal

Eine kurze Reise zu den Bayreuther Festspielen bringt ihm nach ­kurzer Wagner-Begeisterung nur Abscheu vor der Wagner-Mode ein. Um 1890 gewinnt Claude Debussy (1862 – 1918) Anschluss an den ­Kollegen Erik Satie, der ihn in seinem Kampf für eine „sauerkrautlose“, also antiwagnerische Musik bestärkt. Nicht minder wichtig wird für Debussy die Bekanntschaft mit symbolistischen Dichtern wie Paul Verlaine, Stéphane Mallarmé und Maurice Maeterlinck. Dessen verschlüsseltes Psychodrama Pelléas et Mélisande lernt er 1893 kennen, und in einer fast zehnjährigen Arbeit gelingt ihm mit seiner Vertonung das Gegenstück zu Wagners Tristan. Bei der Premiere vor 110 Jahren geht die Musik beinahe im Gelächter des gelangweilten Publikums unter. Erst allmählich setzt sich die Einsicht durch, dass Debussy für die Musik etwas der Psychoanalyse Vergleichbares geschaffen hat. Die szenischen Vorgänge sind nur noch Widerschein der seelischen Regungen, Sein und Schein werden in ein unauflösbares Spannungsverhältnis gezwungen. Wenn Golo seinen jüngeren Bruder Pelléas, den er gerade bei einem halb kindlichen Spiel mit seiner Frau Mélisande überrascht hat, in ein Gewölbe unter dem Schloss führt, bleibt alles offen – nur die Unheimlichkeit der Musik ist hier eindeutig.

 

Debussy: Orchesterwerke; Orchestre National de Lyon; Jun Märkl. Naxos. 9 CDs (auch einzeln erhältlich)

 

Neben der Pioniertat unter Roger Désormière (1941, EMI), der vom wunderbaren Gérard Souzay geprägten Aufnahme unter Jean-Marie Auberson (1969, Claves) und der klanglich überlegenen, fast chirurgisch-analytischen Deutung unter Pierre Boulez (1969, Sony) ist vor allem die 1991 produzierte Einspielung unter Claudio Abbado zu nennen: mit François Le Roux, Christa Ludwig und José van Dam als prägenden Darstellern. Diese Aufnahme bringt die vielen Zwischentöne dieser Musik, ihre geheimnisvoll-diffuse Atmosphäre voll zur Geltung.

 

Im August feiert die Musikwelt Debussys 150. Geburtstag. Wer sich nicht gleich den Pelléas zumuten möchte, sollte mit dem zugänglicheren Orchesterwerk einsteigen. Das liegt nun, mitsamt einiger Orches­trie­rungen von Klavierwerken, in einer mustergültigen, über Jahre gewachsenen Einspielung mit Jun Märkl und dem Orchestre National de Lyon vor, auf 9 CDs und für wenig Geld. Stücke wie das von Thomas Mann im Zauberberg literarisch zementierte Prélude à l’après-midi d’un faune werden hier herrlich durchsichtig, ohne viel Parfüm aufgeführt. Auch die Deutung der Nocturnes wird Debussys Rang insofern gerecht, als sie eindrucksvoll belegt, wie er die Kategorie der Stille als musikalisches Kriterium eigenständig gemacht hat. Dem Debussy-Einsteiger mit audiophilen Neigungen sei die noch immer Massstäbe setzende Ein­spielung der populären Klangdichtung La Mer unter Ernest Ansermet empfohlen.

 

Debussy: Pelléas et Mélisande. Ludwig, van Dam, Le Roux; Wiener Philharmoniker; Claudio Abbado. DG/Universal. 2 CDs

 

Wer sich lieber an Debussys Klavierwerk hält, sollte auf die Aufnahmen mit Pascal Rogé vertrauen. Er zählt nicht zu den Lautsprechern seines Faches. Früher war er zwar bei einem der grossen Labels unter Vertrag, doch entweder wollte man ihn dort nicht mehr, oder er wollte, wie mancher seiner Kollegen, den Hang zur Eventisierung nicht mit­machen. Seit einigen Jahren veröffentlicht Rogé nun bei dem kleinen, feinen englischen Label Onyx. Dort hat er inzwischen Debussys sämt­liche Klavierwerke aufgenommen – eine im Ganzen herausragende Produktion, da Rogé vom ersten Takt an auf Allüren und Spektakuläres verzichtet. Jede billige Illustrierung lehnt er ab. Die nun abschliessende fünfte Folge enthält drei Solowerke sowie fünf Stücke für Klavier zu vier Händen beziehungsweise für zwei Klaviere. An Rogés Seite: seine Frau Ami. Das Paar zeigt uns Debussy ohne Schnörkel, aber mit der Kunst der dezenten Offensive.

 

Debussy: Klavierwerke (Einzelfolgen). Vol. 5: Werke für Klavier zu vier Händen.
Pascal Rogé, Ami Rogé.
Onyx


 

 

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